Die Masse macht's?

Tagung am 16. November im Festsaal des Landhauses.

Das Programm erhalten Sie hier.

 

Die im Licht steh’n. Fotografische Porträts Dresdner Bürger des 19. Jahrhunderts

Aus der Frühzeit des Stadtmuseums sind nur wenige geschlossene Sammlungen überliefert. Schon deshalb ist ein nahezu vollständig erhaltener Bestand von etwa 2700 Porträtfotografien auf 2100 Trägerkartons von besonderer Bedeutung. Initiator war der Historiker, Stadtarchivar und Stadtbibliotheksleiter Otto Richter (1852-1922), seit Gründung des Museums 1891 bis zu seinem Ruhestand 1912 dessen Direktor. Er trug Bildnisse bedeutenderer Bürger (und auch einiger Bürgerinnen) zu einer fotografischen Ehrengalerie zusammen, die, anspruchsvoll gestaltet, deren Gedächtnis in der Stadt aufrechterhalten sollte. Die etwa 650 von Richter selbst beschrifteten Tafeln bilden den Kernbestand der Sammlung.
Die Sicherung, Erschließung und Erforschung dieser bedeutenden Quelle der Stadtgeschichte wird seit einigen Jahren verfolgt. So konnten alle Vorder- und Rückseiten der Tafeln mit Unterstützung der Sächsischen Landesstelle für Museumswesen digitalisiert und eine Datenbank aufgebaut werden, die die relevanten Angaben zu den Bildern und Dargestellten enthält. Seit Ende 2016 bereiten der Historiker Holger Starke und der Fotohistoriker Wolfgang Hesse eine Ausstellung vor, die im Februar 2019 eröffnet. Sie wird von einer Buchpublikation begleitet sein, während alle Porträttafeln in einer Online-Datenbank veröffentlicht werden sollen.

Ausstellung und Begleitpublikationen untersuchen den tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel der Stadt um 1900. Jene sozioökonomischen und kulturellen Verwerfungen der Kaiserzeit zwischen der Reichsgründung im Gefolge des Kriegs gegen Frankreich 1870/71 und seinem Untergang im Ersten Weltkrieg zeigen sich in diesem nur auf den ersten Blick überraschenden Gegenstand. Gehört doch die fortschrittsbewusste Selbstrepräsentation des Bürgertums im Porträt ebenso hierzu wie deren Abbild im Stadtmuseum als öffentlichem Ort der Verständigung über Herkunft und Gegenwart des Gemeinwesens. Ungeachtet solcher anschaulichen Vergegenständlichung von Historizität aber ist die Porträtsammlung bisher nur als Ressource für die Illustration stadt- und personengeschichtlicher Darstellungen genutzt worden. Dies geschah zudem, ohne dass die Provenienzen der Bilder geklärt, deren Formen untersucht, ihre Ordnung beschrieben worden wären. Kurz: Die begonnene Erforschung schließt eine geräumige Lücke in der Kulturgeschichte Dresdens.

Dass auf diese Weise Stadtgeschichte analysiert und dargestellt wird, ist für ein nicht als Kunstmuseum arbeitendes Haus nicht selbstverständlich – und für das Stadtmuseum Dresden in dieser Intensität eine Premiere. Doch gestattet solcher medienorientierte Zugang, über herkömmliche schriftquellengestützte Forschung hinausgehend, auf eine neue Weise zeitspezifische Erkenntnisse. Stadtgeschichte – wie auch die Museumsgeschichte als deren Teil – wird im Zusammenhang eines wesentlichen Motors der allgemeinen Modernisierung seit den 1880er Jahren begriffen: im Kontext unseres zunehmend von Bildpolitik bestimmten Zeitalters.



Abbildungen: Tafeln aus der Sammlung von Porträtfotografien (Stadtmuseum Dresden)



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