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KI generiert: Das Bild zeigt einen handgeschriebenen Brief auf vergilbtem Papier, der mit Tinte geschrieben ist und sichtbare Altersflecken aufweist. Der Text ist in Kurrentschrift verfasst und die Seite ist in der Mitte gefaltet.

13. Februar 1945

»Ihr Lieben Alle!«

Berührender Neuzugang in unserer Sammlung: In einem Brief vom 21. Februar 1945 schildert der Dresdner Paul Seibt, wie er und seine Frau Gertrud die Bombennacht vom 13. Februar erlebt haben. Wir erhielten den Brief 2025 vom Enkel des Verfassers.

Schauplatz des Berichts ist das Gelände am heutigen Universitätsstandort in Dresden-Strehlen (Weberplatz 5 / Ecke Teplitzer Str. 16). Das historische Gebäude von 1945 wurde bei der Bombardierung zerstört. 1950 bis 1964 entstand an der Stelle ein Neubau für die Arbeiter-und-Bauern-Fakultät, den später die TU Dresden für die Kulturwissenschaften übernahm und heute als Hauptsitz der Fakultät Erziehungswissenschaften nutzt.

Der ursprüngliche Bau von 1910 diente unter wechselnden Namen als Ausbildungsstätte für Lehrkräfte (ab 1942/43 »Lehrerinnenbildungsanstalt«). Paul Seibt arbeitete hier seit den 1920er Jahren als Heizer. Mit seiner Familie lebte er in einer Dienstwohnung im Schulhaus. Eine Postkarte aus unserer Sammlung zeigt das Gebäude im Jahr 1911 (damals König-Friedrich-August-Seminar).

Insta Brief1Seite aus dem Brief von Paul Seibt an seine Familie vom 21. Februar 1945, SMD_SD_2025_00258
SMD Ph 2003 06057 KopieHistorische Ansicht des Schulgebäudes, in dem Paul Seibt bis 1945 lebte und arbeitete. Postkarte des Dresdner Kunstverlags Alfred Hartmann, ca. 1911, SMD_Ph_2003_06057 | Sammlung Horst Milde | Sammlung Horst Milde

Abs.
Paul Seibt
Karsdorf über Dresden 28
Bei Fam. Oskar Grahl [1]

Karsdorf den 21. Febr. 45

Ihr Lieben Alle!

Es ist nun schon eine Woche vergangen, daß das Elend über uns hereingebrochen ist und hat man sich nun soweit gesammelt, daß ich Euch mal etwas Näheres über die Schreckensnacht schreiben kann, die wir erlebt haben. Wir haben mit Leuten gesprochen, welche die Angriffe auf die Städte im Westen und Hamburg mitgemacht haben aber jeder sagt, so etwas furchtbares haben sie noch nicht erlebt. 

Wir waren am Dienstag schon um 9 Uhr ins Bett und gegen Zehn gab es Alarm. Ich hatte schon solch innere Unruhe und sind wir deshalb gleich hoch und uns angezogen, was sonst nicht unsere Art war. [2] Da sagte der Ansager im Radio, starke Verbände im Anflug auf Dresden, Entfernung 20 Kilometer. Wir haben dann schnell noch das nötigste zusammengerafft und sind in den Keller runter, wo ich gewohnheitsmäßig mal an die Haustür ging um zu sehen, was los ist. Da war die ganze Stadt in Christbäume eingehüllt, nebenbei ein unbeschreiblich schöner Anblick. Ich hole schnell Gertrud damit sie das auch mal sah. In dem Moment wo wir die Tür aufmachen, explodiert auf der Straße vor unserer Tür eine schwere Bombe, daß uns Hören und sehen verging. Könnt Euch denken, wie es uns durch den Hausflur gewirbelt hat und konnten wir uns erst garnicht wiederfinden. 

Schon bei der ersten Bombe waren sämtliche Türen und Fenster im Gebäude rausgerissen sodaß wir von unserm Kellergang aus die Straße übersehen konnten und jetzt ging es Schlag auf Schlag ohne Aufhören 40 Minuten lang, sodaß wir oft von einer Ecke in die andere flogen und nicht wußten, wohin wir uns retten sollten. Und wie lange dauern da vierzig Minuten? 

Gertrud, ich, sowie Frau Müller [3] und die kleine Christa, haben uns immer zusammen gehalten. Schon während des Angriffs hörten wir dann schon das Knistern und Prasseln des Feuers, und sind wir dann als es etwas nachließ gleich raus, aber da stand auch schon die ganze Schule [4] an allen Ecken in Flammen. 

Ich wollte noch schnell in unsere Wohnung, aber vor Rauch und Flammen war dies schon garnicht mehr möglich und ist daher unser ganzes Hab und Gut verbrannt. Verschiedenes hatten wir ja im Keller, so vor allem ein groß Teil unserer Kleidung. Bin dann wohl zehn oder zwölf Mal noch ins Haus und habe das rausgeholt und auch für Frau Müller einiges aus Ihrem Keller, bis es dann zu gefährlich war und man jeden Augenblick damit rechnen mußte, daß alles zusammen stürzt. Mir war dann von der Aufregung und dem Rennen so trocken im Halse, daß ich kein Wort mehr hervorbrachte. Ich war wirklich dem Zusammenbrechen nahe. Gertrud ist mir auf der Treppe entgegengekommen und hat mirs abgenommen und in den Garten gebracht, wo Frau Müller und Christa war. Habe dann noch unsere Wagen und den Fahradanhänger aus dem Hause geholt und unser bischen Zeug aufgeladen. Der ganze Schulgarten war ein Bild der Verwüstung kein Baum, kein Strauch, das Denkmal alles weg und von Bomben umgewühlt. Nach der Straße raus konnten wir nicht und sind wir dann bei unserm Garten über den Zaun und nach Frau Götz [5] wo noch alles ganz war, um dort zu übernachten. 

Die ganze Stadt war schon ein Flammenmeer, und war es Taghell. Fing dann an unsere Sachen abzuladen und will sie in den Keller bringen, als ich sehe daß der Tommy schon wieder drei Christbäume setzt und im Handumdrehen ging das Getöse schon wieder los noch viel schlimmer und länger als das erste mal. Haben in dem Keller vielleicht was erlebt. Der ganze Keller hat immer gewackelt und dabei mit Menschen vollgepfropft. Die Nebenvillen hatten Volltreffer gekriegt und standen in hellen Flammen und bin ich mitten im Angriff noch mit Gertrud raus, da unsere Sachen noch vor Tür lagen und wir sie nicht auch noch verbrennen lassen wollten. Haben in der Hast alles auf die Straße geschleppt und uns dann an die Gartenmauer gelegt, bis der Angriff nachließ. Haben dann schnell wieder alles aufgeladen, da die Hitze und der Funkenregen unerträglich wurden, dazu ein Sturm, daß man sich garnicht auf den Beinen halten konnte. Beim zweiten Angriff hatte ein Balken von unserm Wagen die Deichsel abgeschlagen. Wir mußten nun vor der Hitze und dem Funkenregen immer weiter ins freie Feld flüchten. Dazu die zwei Handwagen vollbeladen, der Acker aufgeweicht sodaß man immer bis über die Knöchel im Schlamm stak. Alle Augenblick explodierten noch Zeitzünderbomben und was für Kaliber. Mir ist der Schweiß am Leibe runter gelaufen. Haben uns dann erst mal in einen Graben gesetzt und eine Weile ausgeruht, nach einer Weile die Wagen wieder ein Stück weiter, da von den brennenden Häusern, die Funken das letzte noch in Brand zu stecken drohten. Das war dann so nachts um zwei Uhr. Haben uns dann in den aufgeweichten Graben gesetzt und uns mit Mänteln und Decken zugedeckt, da es zu allem Überfluß auch noch anfing stark zu regnen. 

Als wirs dann vor Kälte und Nässe nicht mehr aushielten und es anfing etwas hell zu werden sind wir in ein zerstörtes Haus und haben dort den Tag abgewartet. Haben dann die Wagen, mein Fahrad und Frau Müller ihres nachgeholt. Stak alles so im Schlamm, daß wir alles abladen und tragen mußten und brachten die Wagen leer kaum vom Fleck. Wo wir die ganze Nacht gesessen hatten, war ein großer Bombentrichter den wir erst bei Tageslicht sahen, und alles übersäht mit Brandbomben. Sind dann zu Kluth’s [6], die noch verschont sind und haben uns erst etwas erholt und dann unsere ganzen Bettel wieder aufgeladen und uns gegen Mittag auf den Weg gemacht nach hier [7]. Ist ein Weg von drei Stunden zu Fuß, aber durch die Wagen und immer bergan, waren wir in vier Stunden erst zwei Drittel des Weges gereist und so fertig, daß wir einfach nicht mehr weiterkonnten. Bei Kluths trafen wir auf Lotte Münch, welche auch alles verloren hat und sind wir zusammen hierher. Haben dann erst mal bei einem Bauern übernachtet und sind dann am nächsten Tage weiter. Die Landstraßen waren eine einzige Völkerwanderung verstörter Menschen, denn hunderttausende von Menschen sind in einer Nacht obdachlos geworden ohne die Tausende von Toten. 

Fast ganz Dresden ist ein Schutt und Trümmerhaufen, einfach unvorstellbar. Wir sind hier nun bei Verwandten von Gertrud untergekommen. Im ganzen sind wir neun Personen hier im Hause unter gekommen und haben auch jeder ein Bett, und geben sich alle rechtschaffen Mühe, daß wir uns wohlfühlen sollen. Müssen nun erst mal sehen wie alles wird. 

Ich bin dann am nächsten Tage wieder mit dem Rade und dem Anhänger rein nach Dresden um zu sehen was noch zu retten ist. Unser Keller und Frau Müller Ihrer waren als einzige nicht eingestürzt und sind unsere Sachen darin wenigstens erhalten geblieben, vor allen die Lebensmittel und habe ich nun schon viermal den Weg gemacht und das Wichtigste hierher geholt. Die Kaninchen habe ich alle schlachten müssen, bis auf zwei Häsinnen mit Jungen die ich lebend mit hergenommen habe. Zehn Meter von unserm Stall waren zwei schwere Bomben explodiert und die Ställe von Splittern durchbohrt, aber keins verletzt. Saßen alle scheu in einer Ecke. Die Wege waren ein schweres Stück Arbeit. War einmal so kaputt, daß ich mich auf die Straße gelegt habe um mich auszuruhen. Aber man muß ja retten, was noch zu retten ist. Es ist ohnehin wenig genug, was man noch hat. 

Ob man wohl jemals wieder eine Wohnung haben wird? Man darf garnicht daran denken. Und so vieles, was einem niemand ersetzen kann. Bin mir noch nie so arm vorgekommen, als jetzt. Und man ist ja auch nicht mehr in dem Alter, wo man mit frischen Mut nochmal von vorne anfängt. Um Conrad sorgen wir uns auch. Seine letzte Post hatte er am dritten Januar aufgegeben. Aber die Postverhältnisse sind ja auch trostlos und kann es auch daran liegen, daß nichts kommt. Wollen das Beste hoffen. Was soll überhaupt bloß noch werden, wenn alles so weitergeht, denn es sieht doch trostlos aus wohin man sieht. Morgen will ich mal rein nach der Hochschule, die auch zum großen Teil zerstört ist, und sehen was nun eigentlich wird. 

Eins hatte ich noch vergessen. Nach dem ersten Angriff brannte das, wo Schröders [8] und der Direktor [9] noch nicht gleich und konnten sie noch ein groß Teil ihrer Möbeln in den Garten bringen. Beim zweiten Angriff hat dann eine ganz schwere Bombe zwischen den Sachen eingeschlagen und ist aber auch nichts davon übrig geblieben. Schröder selbst war beim ersten Angriff durch Glassplitter im Gesicht verletzt. Beim zweiten Angriff haben dann die Leute aus der Schule alle im Schulgarten und auf dem Sportplatz gelegen und hat es da auch Tote und Schwerverletzte gegeben. Während des Angriffs ist da eine Herde Pferde über den Platz gerast und hat eins Schröder ins Gesicht getreten, sodaß er böse aussieht. Der ganze Kopf ist verbunden. Die Götzsche Villa, wo Gertrud immer hinging, ist dann als wir raus sind, auch völlig ausgebrannt. 

In der Stadt bin ich noch nicht gewesen als nur bis zum Bahnhof, aber es sieht trostlos aus. Nur Ruinen und der Schutt auf der Straße meterhoch sodaß man nicht durchkann. Jeder sucht noch was zu retten, aber die meisten vergebens. Es war eine Nacht, die wohl niemand vergißt, der sie überlebt hat. Heute hat Hermann Geburtstag und Reinhold hat gehabt aber uns war nicht nach schreiben zu Sinn. Nun hast du liebe Mutter [10] Geburtstag und wünschen wir dir alles Gute und Gesundheit und wollen wir hoffen, daß diese verfluchte Zeit nun bald mal ein Ende hat und wir uns alle gesund wiedersehen. So will ich nun für heute schließen. 

In der Hoffnung nun auch von Euch bald etwas zu hören, grüßt Euch alle recht herzlich Paul u Gertrud.

KI generiert: Das Bild zeigt zwei handgeschriebene, alte Briefe auf vergilbtem Papier mit teilweise verblasster Schrift. Der Hauptinhalt besteht aus eng beschriebenem Text, der persönliche oder historische Informationen enthalten könnte.Seite aus dem Brief von Paul Seibt an seine Familie vom 21. Februar 1945, SMD_SD_2025_00258

Anmerkungen

[1]Vermutlich handelt es sich um den Waldarbeiter Oskar Grahl aus Karsdorf. Paul Seibts Ehefrau Gertrud stammte aus dem Ort. Möglicherweise handelte es sich bei Familie Grahl um Verwandte oder Bekannte von ihr.

[2]  Das Ehepaar Seibt lebte zum Zeitpunkt des 13. Februar 1945 im Kellergeschoss der damaligen Lehrerinnenbildungsanstalt in der Teplitzer Str. 16. Der 1896 im bayrischen Lauingen geborene Paul Seibt kam 1919 aus Beienrode (Kreis Gifhorn) nach Dresden, wo er die 23-jährige Gertrud Schurig aus Wendischcarsdorf heiratete. Der gelernte Lokomotivheizer war ab 1926 beim Pädagogischen Institut der Technischen Hochschule Dresden (der späteren Lehrerinnenbildungsanstalt) als Heizer beschäftigt und bezog mit seiner Frau dort eine Dienstwohnung. Nach dem Krieg kehrten sie an die alte Wohn- und Wirkungsstätte zurück, wo Paul Seibt dann Hausmeisterdienste versah.

[3]Mit Frau Müller ist wohl die Ehefrau des damals 38-jährigen Hausmeisters Walter Müller gemeint, der laut den Dresdner Adressbüchern seit 1940 in der Dienstwohnung in der zweiten Etage des Schulgebäudes Teplitzer Str. 16 lebte. Zu der ebenfalls genannten Tochter (?) Christa fehlen bislang nähere Informationen.

[4]Lehrerinnenbildungsanstalt des Landes Sachsen (zuvor Pädagogisches Institut der Technischen Hochschule Dresden)

[5]Die 1886 in Dresden geborene Dorothea Heiser hatte 1918 in zweiter Ehe den Schweizer Ingenieur Heinrich Goetz geheiratet. Sie lebten in Chemnitz wo Goetz als Direktor der Elektrizitätsactiengesellschaft vorm. Hermann Pöge tätig war. Nach seinem Tod 1929 kehrte Dorothea Goetz nach Dresden zurück. Ihr gehörten die beiden Häuser in der Schinkelstr. 14 und 16. In ersterem lebte sie 1945 in der Erdgeschosswohnung, wohin Ehepaar Seibt in der Bombennacht vermutlich floh.

[6]Es dürfte sich um das Ehepaar Emil und Erna Dora Kluth handeln, die in der Waterloostr. 9 (ab 1946 Heinrich-Zille-Str.) wohnten. Der 1882 in Düsseldorf geborene Schauspieler Emil Kluth heiratete 1917 die 19-jährige Dresdnerin Erna Dora Pfeifer. Nach seinem Militärdienst während des Ersten Weltkriegs ließ er sich in Dresden nieder und war vermutlich bis zu seinem Tod 1950 als Fotograf tätig.

[7]Nach Karsdorf

[8]Otto Schröder, 1899 in Dresden geboren, war anfangs als Heizer und später als Obermaschinist an der Schule beschäftigt. Seit 1923 lebte er dort gemeinsam mit seiner Ehefrau Emma Elise (geb. Geipel) in einer Dienstwohnung im Kellergeschoss der Teplitzer Str. 16.

[9]Gemeint ist Schuldirektor Prof. Richard Vogel (1886–1955).

[10]Elise Karoline Christine Seibt (geb. Kühne), Mutter von Paul Seibt