Dorothea Grünzweigs neuer Band »Erfasst von dieser Nachtverwandlung« führt ihre poetische Erkundung der finnischen Landschaften und Jahreszeiten eindrucksvoll fort. Ausgangspunkt ist Kaamos, die sonnenlose Winterzeit des Nordens – ein Zustand zwischen Dunkelheit, Stille und innerer Weitung. Grünzweigs Gedichte kreisen suchend und tastend um dieses Geheimnis, ohne sich je zu erschöpfen. Ihre Sprache wird vielfältiger, zugleich exemplarischer.
Grünzweigs poetische Kraft entsteht aus einer Sprache, die ohne modische Neologismen auskommt und dennoch neu wirkt. Ihre Wortschöpfungen – »dunkelheitswiege«, »lauschschleier«, »grasvergnügte kühe« – scheinen aus einem uralten Naturkosmos zu stammen. Ihre Metaphern sind nie konstruiert, sondern aus Erfahrung gewonnen: Die Gedichte stehen in einem tiefen Einverständnis mit der Natur, ohne sie zu mystifizieren. Grünzweig schreibt als Fragende, nicht als Wissende; ihre Suche nach einer »heiligen Sprache« ist Ausdruck von Nähe, nicht von Ritual.
Die freie Rhythmik ihrer Gedichte ist erfühlt, nicht erdacht. Alliterationen, Binnenreime und Anspielungen – auf Bibel, Kirchenlied, Rilke – fügen sich organisch ein und öffnen die Texte in größere Zusammenhänge. Themen des Bandes reichen von der Bewahrung der Schöpfung über die existenzielle Stimmung während einer Pandemie bis hin zur realen Sorge vor einem Krieg in Finnland. Andere Gedichte widmen sich dem Tierwohl, etwa in den »kuhlobliedern«, die die Nähe zwischen Mensch und Tier neu ausloten.
Wer sich auf Grünzweigs Gedichte einlässt, begegnet einer Sprache, die sich aus der Natur heraus erneuert – weit, innerlich, hellhörig. Eine Poesie, die uns wieder in die Welt zurückführt.
- Eintritt 8 €, ermäßigt 5 €
Literarische Arena e. V. in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Akademie Sachsen und den Museen der Stadt Dresden.